Notizbuch

Kleines ganz groß

Er blieb einfach stehen. Ungefragt. Einfach so. Von jetzt auf gleich. Ich stockte automatisch, stutzte und war überrascht. Darauf war ich nicht vorbereitet. Ich konnte es mir auch nicht erklären. Für mich war alles klar. Ich wollte weiter gehen – mit ihm. Er jedoch stemmte seinen Körper regelrecht dagegen. Ich ahnte schon, dass „da“ etwas sein musste, was ihn beunruhigte. Auch wenn für mich alles „normal“ schien.

Was war geschehen?

Das Pferd mit dem ich diesmal unterwegs zur einer kleinen Halle war, reagierte auf einen Gegenstand, der sich hinter einem Durchgang leicht abzeichnete. Dieser Gegenstand war neu und ungewohnt an dieser Stelle. Das sorgte für die Beunruhigung.

Kleines ganz groß

Für das Pferd war die Sache klar und die Reaktion eindeutig. Solange dieser Gegenstand dort blieb und ihm bedrohlich erschien, solange reagierte es mit Widerstand und war nicht einen Zentimeter in die gewünschte Richtung zu bewegen.

Wie oft erleben wir es in unserem beruflichen oder privaten Leben, dass sich Veränderungen „plötzlich“ ergeben und wir uns erst einmal innerlich sortieren müssen. Manchmal erscheinen uns diese Veränderungen kleiner, so dass wir trotzdem unseren Weg weitergehen können; manchmal erscheinen sie uns größer, so dass wir ins Grübeln kommen. Und manchmal erscheinen sie uns so groß, dass wir sie als erschreckend und beängstigend empfinden. Unsere Wahrnehmung richtet sich zunehmend auf diese Veränderung und wir empfinden sie immer mehr als allumfassend; Alles drumherum scheint dagegen wie ausgeblendet.

Und wie geht es weiter?

Im Horsemanship wird gelehrt, dass wir uns als Reiter (für das Pferd in diesem Moment in der Funktion des „Leittiers“) nicht auf das konzentrieren sollen, was beim Pferd für die Beunruhigung sorgt, sondern, dass wir uns auf das konzentrieren sollen, wohin wir gehen wollen. Sobald wir als „Leittier“ Zugang zu Klarheit, Sicherheit und Vertrauen bekommen, geben wir dies an das Pferd weiter –  bewusst wie unbewusst. Einem „Leittier“, das Sicherheit ausstrahlt und vertrauenserweckend ist, kann das Pferd letztlich folgen und damit auch dem Reiter.

Und wie ist es mit den Veränderungen in unserem privaten und beruflichen Alltag? Wenn es uns gelingt, innerlich einen Schritt zurückzutreten, schaffen wir es vielleicht zu erkennen, dass unser Leben aus viel mehr besteht, als aus dem, was wir als beängstigend empfinden. Wir sind als Mensch viel mehr als dieser fokussierte Teil. Natürlich ist es auch wichtig, sich selbst gegenüber anzuerkennen, dass es diesen Teil gibt, der gerade diese Ängste und Sorgen hat. Also sich selbst gegenüber anzuerkennen, was ist. Und doch können wir versuchen, unseren Blick auf das richten, was in unserem Leben gut läuft, wo wir Freude empfinden.

Befinden wir uns im „Grübelzirkus“ können uns ein Spaziergang oder andere Arten von Bewegung zu Abstand helfen. Manche mögen auch den Zugang über die „seelischen Türen“, wie zum Beispiel meditieren oder beten. Wieder andere Schreiben oder Malen gerne. Schritt für Schritt können wir uns die Bereiche wieder zugänglich machen, mit denen wir uns eigentlich beschäftigen möchten. Und kommen dann an. Manchmal vielleicht auch in Begleitung eines Anderen, weil es einfach schön ist, manche Wege gemeinsam zu gehen. …

Bild: Franziska Schuchardt