Notizbuch

Schicht für Schicht

Neulich war es mal wieder so weit: Ich saß vor den Acrylfarben, vor mir die weiße Leinwand, den Pinsel in meiner Hand. Ich tauchte in diese Welt der Blautöne ein, vermischte sie, strich drüber und drüber…

Beim Malen mit Acrylfarben habe ich die Freiheit, dass jederzeit das Bisherige übermalen zu können. Mal mehr, mal weniger durchlässig. Das Bisherige ist nicht wirklich weg. Mal ist es die Grundlage für die neue Farbschicht, mal schimmert es durch und ergibt einen tollen Effekt für den Betrachter, mal vermischt es sich zu etwas ganz Neuem. Immer geschieht etwas Magisches und das Bild gewinnt an Tiefe, erfährt seine eigene Geschichte. Und ich kann es beeinflussen und immer wieder neu gestalten.

Ich frage mich, wie es wäre, wenn unser Leben ein Bild wäre. Auch hier können wir auf viele Schichten schauen – manche gefallen uns auf Anhieb, manchen sieht man den ursprünglichen Charakter nicht mehr an, da sie mit neuen Erfahrungen vermischt sind. Manche erscheinen vielleicht auf den ersten Blick nicht so schön, doch mit Abstand sehen wir vielleicht Besonderheiten, die uns bei Entstehen nicht aufgefallen waren. Details, die ihren eigenen Zauber haben, die das Bild erst zum Leuchten bringen.

Auch unsere „Lebensbilder“ können wir gestalten. Auch, wenn wir – wie bei den Farben – Vergangenes nicht ungeschehen machen können, so kann es uns doch jederzeit gelingen, etwas Neues entstehen zu lassen, etwas Schönes daraus zu machen, oder einen neuen Blick auf das Ganze zu gewinnen. Ganz so, wie beim Malen.

 

Bild: Annedore Liebs-Schuchardt
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